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Messunsicherheit verstehen: Was bedeutet ±0,0001 mm in der Praxis? | 3D Messtechnik KMK
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Messunsicherheit verstehen: Was bedeutet ±0,0001 mm in der Praxis?

Was ist Messunsicherheit?

Kein Messergebnis ist exakt. Jede Messung ist mit einer Unsicherheit behaftet, die angibt, in welchem Bereich der wahre Wert der Messgröße mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit liegt. Die Messunsicherheit ist kein Fehler — sie ist ein Qualitätsmerkmal des Messergebnisses und beschreibt dessen Vertrauenswürdigkeit.

Definition nach GUM

Die Messunsicherheit ist ein dem Messergebnis zugeordneter Parameter, der die Streuung der Werte kennzeichnet, die der Messgröße vernünftigerweise zugeordnet werden können. Sie wird üblicherweise als erweiterte Messunsicherheit U mit einem Erweiterungsfaktor k = 2 angegeben, was einem Vertrauensniveau von ca. 95 % entspricht.

In der Praxis begegnet Ihnen die Messunsicherheit auf jedem Kalibrierschein, in jeder Prüfmittelvorgabe und bei jeder Konformitätsbewertung. Wer sie versteht, trifft bessere Entscheidungen bei der Prüfmittelauswahl, vermeidet Fehlbewertungen und spart langfristig Kosten.

Warum ist die Messunsicherheit so wichtig?

Ohne Kenntnis der Messunsicherheit ist eine verlässliche Aussage darüber, ob ein Bauteil innerhalb oder außerhalb der Toleranz liegt, nicht möglich. Gerade im Grenzbereich — wenn der Messwert nahe an der Toleranzgrenze liegt — entscheidet die Messunsicherheit darüber, ob ein Teil als Gut- oder Schlechtteil bewertet wird. Ein zu ungenaues Messverfahren kann dazu führen, dass gute Teile fälschlich aussortiert werden (Pseudoausschuss) oder schlechte Teile fälschlich freigegeben werden (Pseudofreigabe).

Woher kommt die Messunsicherheit?

Die Messunsicherheit setzt sich aus zahlreichen Einzelbeiträgen zusammen. Die wichtigsten Quellen sind:

Messgerätebeiträge

  • Antastabweichung: Die Genauigkeit des Tastsystems (Tasterradius, Antastkraft, Antastgeschwindigkeit)
  • Linearitätsabweichung: Abweichungen der Maßstäbe über den gesamten Messbereich
  • Auflösung: Die kleinste darstellbare Maßänderung des Messgerätes
  • Hysterese: Richtungsabhängige Abweichungen bei Umkehrbewegungen

Umgebungsbeiträge

  • Temperatur: Der größte Einzelbeitrag bei dimensionellen Messungen (thermische Ausdehnung)
  • Temperaturgradient: Örtliche und zeitliche Temperaturunterschiede innerhalb des Messraums
  • Luftfeuchtigkeit: Beeinflusst bestimmte Messverfahren und Materialien
  • Schwingungen: Mechanische Vibrationen verfälschen hochpräzise Messungen

Bedienereinflüsse

  • Aufspannung: Die Art der Bauteilfixierung beeinflusst die Messgeometrie
  • Messpunktauswahl: Die Wahl und Anzahl der Messpunkte beeinflusst das Ergebnis
  • Bedienerstreuung: Unterschiedliche Bediener erzeugen leicht unterschiedliche Ergebnisse

Werkstückbeiträge

  • Oberflächenrauheit: Rauheitsberge und -täler beeinflussen die Antastung
  • Formabweichung: Reale Bauteile sind nie perfekt — Formabweichungen beeinflussen Ergebnisse
  • Elastische Verformung: Antastkraft verursacht Verformung am Messpunkt

Messunsicherheit berechnen: GUM-Verfahren

Die international anerkannte Methode zur Ermittlung der Messunsicherheit ist der GUM (Guide to the Expression of Uncertainty in Measurement). Er unterscheidet zwei Ermittlungsverfahren:

Typ A: Statistische Ermittlung

Typ-A-Beiträge werden durch wiederholte Messungen ermittelt. Aus den Messwerten werden Mittelwert und Standardabweichung berechnet. Diese Methode erfasst zufällige Einflüsse wie Bedienerstreuung, Wiederholpräzision und nicht systematische Umgebungseinflüsse.

Typ B: Andere Ermittlung

Typ-B-Beiträge stammen aus Herstellerangaben (z. B. MPEE des Messgerätes), Kalibrierzertifikaten, Erfahrungswerten oder physikalischen Modellen. Dazu gehören die Spezifikation des Messgerätes, der Temperatureinfluss (berechnet aus Ausdehnungskoeffizient und Temperaturunsicherheit) und die Unsicherheit der verwendeten Normale.

Normhinweis: GUM und JCGM 100

Der GUM wurde vom JCGM (Joint Committee for Guides in Metrology) erstellt und ist die verbindliche Grundlage für die Messunsicherheitsberechnung in akkreditierten Laboratorien. Die 3D Messtechnik KMK GmbH wendet den GUM als DAkkS-akkreditiertes Labor (D-K-22842-01-00) bei jeder Kalibrierung an.

Die kombinierte Messunsicherheit

Alle Einzelbeiträge werden zu einer kombinierten Standardunsicherheit uc zusammengefasst. Die erweiterte Messunsicherheit U ergibt sich durch Multiplikation mit dem Erweiterungsfaktor k (üblicherweise k = 2 für 95 % Vertrauensniveau): U = k · uc. Das vollständige Messergebnis wird dann angegeben als: Messwert ± U.

Die Golden Rule der Messtechnik

Die Golden Rule (auch: Faustregel 1:10 oder 1:4) besagt, dass die Messunsicherheit des Prüfmittels nur einen definierten Bruchteil der zu prüfenden Toleranz betragen darf. In der Praxis hat sich das Verhältnis 1:4 bis 1:10 etabliert — die Messunsicherheit sollte also maximal 10 % bis 25 % der Toleranz betragen.

Praxisrechnung: Golden Rule mit ZEISS PRISMO

Gegeben: Toleranz T = 0,05 mm, Messlänge L = 500 mm
MPEE des ZEISS PRISMO: 1,0 + L/350 µm = 1,0 + 500/350 = 1,0 + 1,43 = 2,43 µm
Golden Rule (1:4): Maximal zulässige Unsicherheit = T/4 = 50 µm / 4 = 12,5 µm
Ergebnis: 2,43 µm << 12,5 µm — das ZEISS PRISMO ist für diese Toleranz hervorragend geeignet.
Selbst bei 1:10: 50/10 = 5,0 µm — die Bedingung ist mit 2,43 µm immer noch erfüllt.

Was passiert, wenn die Golden Rule verletzt wird?

Ist die Messunsicherheit zu groß im Verhältnis zur Toleranz, steigt das Risiko von Fehlentscheidungen dramatisch. Der Guard-Band-Ansatz nach ISO 14253-1 schlägt vor, die Toleranzgrenzen um die Messunsicherheit einzuengen (bei Konformitätsnachweis) oder auszuweiten (bei Nichtkonformitätsnachweis). In beiden Fällen reduziert sich der nutzbare Toleranzbereich — eine unnötig hohe Messunsicherheit kostet also direkt Geld.

Praxisbeispiel: ZEISS PRISMO MPEE verstehen

Die Genauigkeit eines Koordinatenmessgerätes wird durch die Spezifikation MPEE (Maximum Permissible Error of indication for size measurement) angegeben. Für das ZEISS PRISMO der 3D Messtechnik KMK GmbH lautet die Spezifikation:

MPEE = 1,0 + L/350 µm

Was bedeutet diese Formel?

  • 1,0 µm: Der konstante Anteil — die Grundgenauigkeit unabhängig von der Messlänge
  • L/350: Der längenabhängige Anteil — steigt mit der Messlänge L (in mm)
  • Beispiele: Bei L = 100 mm: MPEE = 1,0 + 0,29 = 1,29 µm. Bei L = 1000 mm: MPEE = 1,0 + 2,86 = 3,86 µm
Messlänge LMPEE (µm)MPEE (mm)
10 mm1,030,00103
50 mm1,140,00114
100 mm1,290,00129
250 mm1,710,00171
500 mm2,430,00243
1000 mm3,860,00386

Diese Werte verdeutlichen die herausragende Genauigkeit des ZEISS PRISMO: Selbst bei der maximalen Messlänge von 1000 mm beträgt die Messabweichung weniger als 4 Mikrometer — das entspricht einem Bruchteil der Dicke eines menschlichen Haares.

Temperatureinfluss und klimatisierter Messraum

Die Temperatur ist der größte Einzelbeitrag zur Messunsicherheit bei dimensionellen Messungen. Der Grund: Alle Materialien dehnen sich bei Erwärmung aus und ziehen sich bei Abkühlung zusammen. Der thermische Ausdehnungskoeffizient von Stahl beträgt ca. 11,5 µm/(m·K) — eine Temperaturänderung von nur 1 °C verursacht bei einem 500-mm-Werkstück eine Längenänderung von etwa 5,75 µm.

Rechenbeispiel: Temperatureinfluss

Werkstück: Stahl, Länge 500 mm, α = 11,5 µm/(m·K)
Temperaturabweichung: ΔT = 2 °C (z. B. Messung bei 22 °C statt 20 °C)
Längenänderung: ΔL = L · α · ΔT = 0,5 m · 11,5 µm/(m·K) · 2 K = 11,5 µm
Dieser Betrag übersteigt bereits die MPEE des ZEISS PRISMO bei 500 mm (2,43 µm) um das Vierfache!

Deshalb betreibt die 3D Messtechnik KMK GmbH einen klimatisierten Messraum, der konstant auf 20 ± 1,0 °C gehalten wird. Die 20 °C sind die nach DIN EN ISO 1 (ISO 1) definierte Referenztemperatur für dimensionelle Messungen. Die Toleranz von ± 1 °C ist bewusst eng gewählt und reduziert den Temperatureinfluss auf die Messunsicherheit erheblich.

Warum genau 20 °C?

Die 20 °C sind als internationale Referenztemperatur in ISO 1 definiert. Alle Maßangaben auf technischen Zeichnungen beziehen sich auf diese Temperatur. Misst man bei einer anderen Temperatur, muss die thermische Ausdehnung rechnerisch korrigiert werden — ein aufwendiger Prozess, der selbst eine Unsicherheit einführt, da der exakte Ausdehnungskoeffizient des Werkstücks oft nur näherungsweise bekannt ist.

Messunsicherheit im DAkkS-Kalibrierschein

Ein DAkkS-Kalibrierschein enthält zwingend die vollständige Angabe der Messunsicherheit für jeden kalibrierten Messpunkt. Dies unterscheidet ihn grundlegend von vielen Werkskalibrierscheinen, bei denen die Messunsicherheit oft nur optional oder vereinfacht angegeben wird.

Was steht im Messunsicherheitsbudget?

Das Budget listet alle relevanten Einzelbeiträge auf: Beiträge der Bezugsnormale, Messgerätebeiträge, Umgebungsbeiträge (insbesondere Temperatur), Bedienereinflüsse und das Berechnungsverfahren (GUM). Die erweiterte Messunsicherheit U wird mit dem Erweiterungsfaktor k und dem Vertrauensniveau angegeben.

Normhinweis

DAkkS-akkreditierte Laboratorien wie die 3D Messtechnik KMK GmbH (Akkreditierungsnummer D-K-22842-01-00) sind verpflichtet, ihre Messunsicherheitsbudgets nach dem GUM zu erstellen und im Kalibrierschein vollständig zu dokumentieren. Dies wird im Rahmen der Akkreditierung nach DIN EN ISO/IEC 17025 regelmäßig überprüft.

Wie lese ich den DAkkS-Kalibrierschein richtig?

Achten Sie auf folgende Punkte: Das Messergebnis besteht aus dem Messwert und der erweiterten Messunsicherheit U. Der wahre Wert liegt mit ca. 95 % Wahrscheinlichkeit im Intervall [Messwert – U; Messwert + U]. Der Erweiterungsfaktor k wird angegeben (üblicherweise k = 2). Die verwendeten Bezugsnormale und deren Rückführbarkeit sind dokumentiert.

Konformitätsbewertung und Entscheidungsregeln

In der Praxis muss entschieden werden, ob ein gemessenes Merkmal innerhalb der Toleranz liegt — die sogenannte Konformitätsbewertung. Dabei spielt die Messunsicherheit eine zentrale Rolle.

ISO 14253-1: Entscheidungsregeln

Nach ISO 14253-1 wird beim Konformitätsnachweis (Nachweis, dass ein Merkmal innerhalb der Toleranz liegt) die Toleranz um die Messunsicherheit eingeengt. Beim Nichtkonformitätsnachweis (Nachweis, dass ein Merkmal außerhalb der Toleranz liegt) wird die Toleranz um die Messunsicherheit erweitert. In der Grauzone — wenn der Messwert nahe an der Toleranzgrenze liegt — kann keine sichere Entscheidung getroffen werden.

Warnung: Grauzone beachten

Liegt der Messwert innerhalb der Grauzone (Toleranzgrenze ± Messunsicherheit), ist weder Konformität noch Nichtkonformität sicher nachweisbar. In diesem Fall muss entweder ein genaueres Messverfahren eingesetzt oder eine Vereinbarung mit dem Kunden getroffen werden. Je kleiner die Messunsicherheit, desto schmaler die Grauzone — ein weiterer Grund für hochpräzise Messtechnik wie das ZEISS PRISMO.

Häufige Missverständnisse zur Messunsicherheit

Missverständnis 1: Messunsicherheit = Messfehler

Falsch. Der Messfehler ist die Differenz zwischen Messwert und wahrem Wert (der nie exakt bekannt ist). Die Messunsicherheit beschreibt den Bereich, in dem der wahre Wert vermutet wird. Messfehler können korrigiert werden (Justage), Messunsicherheit bleibt immer bestehen.

Missverständnis 2: Genaueres Messgerät = keine Messunsicherheit

Falsch. Auch das genaueste Messgerät hat eine Messunsicherheit. Sie kann nur minimiert, aber nie eliminiert werden. Das ZEISS PRISMO mit MPEE 1,0 + L/350 µm hat eine extrem kleine, aber immer noch vorhandene Messunsicherheit.

Missverständnis 3: Die Herstellerspezifikation ist die Messunsicherheit

Nicht ganz. Die MPEE-Angabe ist die maximal zulässige Abweichung des Messgerätes unter definierten Bedingungen. Die tatsächliche Messunsicherheit in der Anwendung umfasst zusätzlich Temperatureinflüsse, Bedienereinflüsse, Werkstückeinflüsse und weitere Beiträge. Sie ist daher in der Praxis immer größer als die reine Gerätespezifikation.

Missverständnis 4: Mehr Nachkommastellen = höhere Genauigkeit

Falsch. Die Angabe von ±0,0001 mm klingt beeindruckend, ist aber nur dann aussagekräftig, wenn sie durch die tatsächliche Messunsicherheit gestützt wird. Zeigt ein Messgerät fünf Nachkommastellen an, aber die Messunsicherheit beträgt ±0,01 mm, sind die letzten zwei Stellen bedeutungslos.

Fazit: Messunsicherheit als Qualitätsmerkmal

Messunsicherheit ist kein Schwachpunkt der Messtechnik, sondern ein Qualitätsmerkmal. Wer sie versteht und korrekt anwendet, trifft bessere Entscheidungen, vermeidet Fehlbewertungen und spart Kosten. Die 3D Messtechnik KMK GmbH bietet mit dem ZEISS PRISMO (MPEE 1,0 + L/350 µm) im klimatisierten Messraum (20 ± 1,0 °C) beste Voraussetzungen für präzise Messungen mit minimaler Messunsicherheit.

Jeder DAkkS-Kalibrierschein der 3D Messtechnik KMK GmbH (Akkreditierung D-K-22842-01-00 nach DIN EN ISO/IEC 17025) enthält ein vollständiges Messunsicherheitsbudget nach GUM. So erhalten Sie transparente, nachvollziehbare und international anerkannte Kalibrierergebnisse.

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